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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Als die Polizei noch Ferrari fuhr...


Bloedz
05.01.2003, 17:06
Hallo zusammen!
Ich erinnere mich, daß ich diese amüsante Geschichte schon mal vor längerer Zeit gelesen habe, sie ist also nicht neu. Aber vielleicht kennt sie der eine oder andere von Euch noch nicht.
Bloedz

"Alberto Capelli lebt in Rimini an der Adriaküste, wo er gemeinsam mit seinem Bruder eine Spedition betreibt. Alberto sieht ein wenig wie Mussolini aus, wobei ich mir sicher bin, dass er charakterlich nichts mit dem Diktator gemeinsam hat. Alberto lächelt, wenn er von seiner umfangreichen Sammlung an Oldtimern erzählt - es ist, als spräche er von seinen Kindern. Die alten Prachtstücke von Mercedes, MG, Alfa Romeo und Lancia stehen dicht gedrängt im Erdgeschoss der riesigen Werkstatt des Familienbetriebs. Im Keller finden sich dann noch mehr Autos in verschiedenen Restaurationsphasen, darunter auch Raritäten wie der Graham, der übrigens der allererste Turbolader war. Und mitten in dieser Pracht thront das Glanzstück - der Ferrari 250 GTE, der einst für die Polizia Stradale in Rom im Einsatz war.

Wenn ich Ihnen die Geschichte dieses Autos erzähle, dann werden Sie wahrscheinlich denken: Der lügt, dass sich die Balken biegen. Doch bedenken Sie, dass wir von Italien sprechen, wo immer noch eine einfache Grundregel gilt: Je absurder eine Geschichte klingt, desto wahrscheinlicher stimmt sie. Damals in den 60ern gab es ein grundlegendes Missverständnis zwischen der Polizei und den Autofahrern in Rom. Die Römer hielten die Schilder mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen für eine moderate Schätzung der Polizei, welche Spitzengeschwindigkeit auf dem jeweiligen Straßenabschnitt möglich sei, und selbstverständlich fühlte sich jeder Autoahrer in Rom berufen, den Beweis anzutreten, dass die Polizei ihn, den Autofahrer, gründlich unterschätzt hatte. Aber Spaß beiseite - Tatsache war, dass die Römer, wie die Autofahrer in ganz Italien und eigentlich auch überall sonst, gerne mal zu schnell fuhren. Dabei haben die Italiener gar nichts gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen an sich. Wie Ihnen jeder italienische Politiker bestätigen wird, kann problemlos jede beliebige Höchstgeschwindigkeit festgesetzt werden - solange der Staat sie nicht durchsetzen will!

Jedenfalls sah sich die Polizia Stradale einer zunehmenden Zahl von Rasern gegenüber. Eine geradezu klassische Tragödie nahm ihren Lauf... Man wandte sich an führende Stellen des Polizeipräsidiums von Rom. Offenbar hatten bei der Polizia Stradale inoffizielle Besprechungen stattgefunden, wobei in einer Mischung aus Ärger und Frustration ein unfehlbarer Plan ersonnen wurde. Dieser Plan würde die verfahrene Lage gründlich ändern und der Polizei Ehre und Ansehen zurückgeben. Es gab eine Möglichkeit, das Problem mit den Rasern aus der Welt zu schaffen. Und diese Möglichkeit war - ein Ferrari! Natürlich bekam die Polizia Stradale nicht nur einen Ferrari. Nein, es wurden gleich zwei dieser Renner geordert. So erhielt die Polizia Stradale in Rom am 22. November 1962 zwei identische Ferrari 250 GTE, beide in dem für italienische Polizeifahrzeuge üblichen Schwarz lackiert. Die beiden Ferraris verfügten über eine üppige Ausstattung: Funkausrüstung. Blaulicht und der seitliche Schriftzug “Polizia” in Weiß. Unter der Motorhaube befand sich ein 2,9 Liter-V12-Motor mit drei Weber-Doppelvergasern und einer Leistung von 240 PS. Die Spitzengeschwindigkeit lag bei über 200 km/h - und natürlich wollte die Polizia Stradale ihr neues Spielzeug auch sofort ausprobieren (die Polizisten waren schließlich auch Italiener).

Die Freude währte indes nur kurz. Noch an dem Tag, an dem die Ferraris in Dienst gestellt wurden, legte sich die Polizei schon mit einem der Wagen an einer Autobahn nahe Rom auf die Lauer. Nach kurzer Zeit wurde der erste Raser gesichtet, und die beiden Beamten im Ferrari nahmen die Verfolgung auf. Auf der rutschigen Straße verlor der Polizist am Steuer die Kontrolle über das Fahrzeug und rauschte in die Leitplanke - Totalschaden. Als diese Story durch die Presse ging, amüsierte sich eine ganze Nation von Schnellfahrern (verständlicherweise) königlich. Um weitere Peinlichkeiten dieser Art zu vermeiden, wurde der verbleibende Ferrari außer Dienst gestellt und in einem Polizeidepot versteckt.

An dieser Stelle hätte die Geschichte vermutlich ihr komisches und unrühmliches Ende gefunden, wäre da nicht ein Kriminalbeamter namens Armando Spatafora gewesen. Dieser hatte sich dadurch einen Namen gemacht, dass er ungefähr 15 “Banditen” erschossen haben sollte, auch wenn dieser Umstand nicht näher belegt ist. Wahrscheinlich verhielt es sich eher so, dass eine Erschießung durch Armando Spatafora dem Opfer für alle Zeiten den Titel eines Banditen einbrachte. Ein Mann wie Spatafora konnte dem Ferrari natürlich nicht widerstehen, verfügte dieser doch über etwas mehr Ausstrahlung als der vergleichsweise langweilige Alfa Romeo 1900, den man ihm als Dienstwagen zur Verfügung gestellt hatte.

Der Polizeipräsident von Rom konnte Spatafora jedenfalls nur schwerlich den Wunsch abschlagen, den Ferrari als Dienstwagen zu nutzen. Einzige Bedingung war, dass nur Spatafora selbst den Wagen fahren würde. Diese Auflage war natürlich vollkommen überflüssig, liebte Spatafora dieses Auto doch fast so sehr wie seine Mutter (Italien!), und es wäre ihm sowieso niemals in den Sinn gekommen, irgendwelche anderen Leute hinters Steuer zu lassen. Dennoch fasste Spatafora den Ferrari, der zu jener Zeit in Rom nahezu eine Berühmtheit war, nicht gerade mit Samthandschuhen an. Man kann sich vorstellen, was in den Köpfen der Gangster vorging, die Armando Spatafora in seinem schwarzen Ferrari den Corso auf und ab kreuzen sahen. Spatafora wurde mit dem Ferrari mehrmals in Verfolgungsjagden verwickelt. Legendär wurde er spätestens an dem Tag, an dem ein Mafiosi Spatafora abzuhängen versuchte, indem er die berühmte Spanische Treppe im Zentrum von Rom hinabfuhr. Wie sich zeigte, hatte er damit keinen Erfolg, denn Spatafora setzte ihm unverdrossen und im Ferrari nach und stellte den Übeltäter schließlich auf der Piazza di Spagna. Wie der Ferrari eine solche Misshandlung überstehen konnte, bleibt ein Rätsel. Laut Alberto ist der Wagen nie restauriert worden.

Alberto Capelli kam quasi durch Zufall zu dem Auto. Die italienische Polizei veranstaltet jedes Jahr eine Versteigerung ihrer Restbestände, und in einem Jahr stand die Partie “Scuderia Pantera Storiche 250 GTE” auf der Liste. So lautete der Name von Spataforas Abteilung, als der Ferrari 1969 außer Dienst gestellt wurde. Konnte es sich wirklich um diesen berühmten Wagen handeln? Alberto ging zu der Versteigerung und kam mit einem Ferrari, mit dem Ferrari zurück. Er nennt zwar keine Summe, doch nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, hat er den Wagen für so gut wie nichts erstanden. Das Auto befindet sich nach wie vor im Originalzustand und musste auch nicht restauriert werden, so gut ist es erhalten. Allerdings weisen seine technischen Daten einige Details auf, die auch Alberto verblüfften.

Zunächst einmal finden sich in dem V12-Motor die Weber-Vergaser der Baureihe 40 DCZ6 statt der in anderen 250 GTE-Fahrzeugen verwendeten 40 DLC6-Vergaser. Daher ist davon auszugehen, dass es sich bei diesem V12-Motor in Wirklichkeit um die leistungsstärkere 4-Liter-Version handelt, wie sie in den Ferrari-Modellen 330 LMB und Superamerica eingesetzt wurde, und nicht um den gewöhnlichen 2,9-Liter-Motor des herkömmlichen 250 GTE. Sollte dies der Fall sein, liegt die Leistung dieses Renners bei fast 400 PS. Es wäre für Enzo Ferrari wirklich typisch gewesen, die für die Polizei bestimmten Autos mit ein paar kleinen Extras auszustatten. Außerdem baute Ferrari Ende des Jahres 1963 tatsächlich einige 250 GTE-Modelle mit einem 4-Liter-Motor, um so die Lücke zum nachfolgenden 330 GT 2+2 zu schließen. Man sollte meinen, dass sich die hier verwendete Motorversion einfach anhand der Unterlagen für den Ferrari 250 GTE mit der Fahrgestellnummer 3999 feststellen ließe. Doch haben wir es mit einem Ferrari zu tun, und also ist gar nichts einfach. Das Werk ist für seine lockere Handhabung der Eintragungen für die einzelnen Fahrgestellnummern bekannt, und im Fall unseres 250 GTE, auch bekannt als 250 GT 2+2, war Ferrari allem Anschein nach besonders unachtsam.

Enzo Ferrari wollte dieses Auto eigentlich gar nicht bauen. Enzo Ferrari wollte überhaupt keine Straßenfahrzeuge bauen, doch dann lockten die zu erwartenden riesigen Gewinne. Anfangs waren die Straßenmodelle von Ferrari reine Rennautos mit verminderter Leistung. Aus diesen entstanden dann die schon etwas zweckmäßigeren GT-Versionen, die jedoch ebenfalls ihre Herkunft aus dem Rennsport nicht leugnen konnten. Ein seriengefertigtes 2+2-Modell stellte eine große Neuerung dar, weshalb man Pininfarina mit dieser Aufgabe betraute. Es hatte zwar auch schon zuvor 2+2-Ferraris gegeben, wie zum Beispiel den 212 Inter oder den 342 America, doch waren diese nur in geringer Stückzahl gefertigt worden. Das neue Auto dagegen wurde mit hohen Fertigungszahlen in Pininfarinas neuem Werk in Grugliasco gebaut. Der Aufbau des 250 GT diente hier als Grundlage, wobei Ferrari darauf bestand, den Radstand nicht über die 260 cm des 250 GT hinaus zu vergrößern. Pininfarina löste dieses Problem, indem er den Motor nach vorne verlagerte und an den Front- und Heckpartien größere Überstände konzipierte.

Ferrari stellte das neue Modell nicht, wie sonst üblich, auf der Autoschau in Paris vor. Stattdessen wurde 1960 ein Prototyp als offizielles Vorführmodell zum Rennen von Le Mans entsandt, wo es einiges Aufsehen erregte. Dabei war es natürlich nicht unbedingt von Nachteil, dass die verschiedenen Versionen des Ferrari 250 GT die ersten sieben Plätze in der Rennwertung belegten, wobei Olivier Gendebien und Paul Frère in einem 250 Testa Rossa den Sieg davontrugen. Der 250 GTE konnte es natürlich nicht mit den leichteren und schnelleren 250 GT-Modellen wie dem SWB oder dem GTO aufnehmen, dennoch stellt er auch nach heutigen Maßstäben noch einen rasanten Tourenwagen dar, auf dessen Rückbank selbst erwachsene Mitfahrer bequem Platz finden.

Es liegt natürlich eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass für einige der von Spatafora verhafteten Gangster die Fahrt zur Polizeiwache die erste Spritztour in einem Ferrari bedeutete. Noch dazu in einem ganz besonderen Ferrari! Auch wenn der 250 GTE in der einschlägigen Ferrari-Literatur oft übersehen wird, zählt er mit 955 zwischen 1960 und 1963 gebauten Exemplaren doch zu den erfolgreichsten Ferrari-Modellen aller Zeiten.

Wenn man heute den Wagen von Alberto fährt, fällt einem das immer noch spritzige Fahrverhalten positiv auf. Der V12-Motor (lassen wir dessen genaue Kennwerte einmal dahingestellt... ) surrt mit dem hochtourigen Sound eines Rennwagens - das Gegenteil zum tiefen Grollen eines GT. Das Fünfgang-Getriebe arbeitet glatt und präzise, und sogar die Bremsen reagieren wie neu. Das größte Vergnügen bereiten jedoch zufällige Begegnungen mit den Kollegen von der Polizei in ihren Streifenwagen. Die Beamten starren den Ferrari mit einer Mischung aus Unglauben und Verwunderung an. Sie trauen sich noch nicht einmal, uns anzuhalten, aus Angst, sich lächerlich zu machen. Und das, obwohl Alberto die Originalkennzeichen “Polizia 29444” noch immer nicht entfernt hat. Sicher, die sind längst nicht mehr gültig, aber ein Polizeiauto bleibt eben auch immer ein Polizeiauto! Das einzige nicht funktionierende Bauteil an diesem Ferrari ist das Blaulicht auf dem Dach. Alberto erklärt mir, dass er zumindest in diesem Punkt Ärger mit der örtlichen Polizia bekäme, sollte er das Blaulicht wieder anschließen. Die Sirene ist jedoch nach wie vor betriebsbereit und ideal zum Überfahren roter Ampeln geeignet. Und auch heute noch nehmen die Raser ihren Fuß vom Gas, wenn sie den Ferrari erblicken. Auf diese Weise hat der Ferrari doch noch sein Gutes für die Polizia Stradale in Rom, wenn auch nicht ganz so wie ursprünglich geplant..."

alfistagtv6
05.01.2003, 19:22
Ciao Bloedz!

Toller Text. Kannte ich noch nicht.
Die Spanische Treppe im Ferrari zu nehmen ist allerdings eine starke Gratwanderung zwischen Vergewaltigung und Show. ;)

Saluti, alfistagtv6.

Tridente
06.01.2003, 15:43
Dieser und andere nette Autos sind in San Marino im Museum „Collezione Maranello Rosso“ zu bewundern.

Ciao
Tridente

www.maranellorosso.com (http://www.maranellorosso.com)

Leovinci
07.01.2003, 11:22
herrliche geschichte, man fühlt sich sofort in die zeut zurückversetzt

Leovinci
07.01.2003, 11:22
zeut? ZEIT :rolleyes:

Steve
09.01.2003, 18:12
@ bloedz: top story. ehrlich. und sehr unterhaltsam

lg
steve

Joachim
10.01.2003, 04:45
mir hat sie auch gefallen. Schoen.

Seufz.
Joachim

Bloedz
10.01.2003, 09:00
Hallo zusammen!
Es freut mich, daß die Geschichte über den Polizei-Ferrari anscheinend reges Interesse findet.
Ich hoffe jedoch, daß jedem klar ist, daß ich diese Geschichte nicht geschrieben habe. Sie stammt zusammen mit den Bildern aus dem Magazin des Internetangebotes von www.classicdriver.de (http://www.classicdriver.de) . Dort habe ich sie entdeckt und für Euch hier eingestellt. Ein Autor ist leider nicht angegeben.
Bloedz

gtv_zwie
10.01.2003, 10:33
spitzen story! wie ein schlechter film

james with the double-0-seven lässt grüssen...

Speedy
11.01.2003, 09:51
Super Story. Da hat wohl Hollywood wieder einmal abgekupfert und Magnum "erfunden". ;) :D