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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Jochen Rindt - wir vermissen Dich...


Alfisti
29.10.2001, 17:34
"Paß bitte auf und überdreh' den Motor nicht. Er hat erst 2000 Kilometer", sagte er und gibt mir die Schlüssel.
"Keine Sorge", sage ich, "wenn nur du nicht überdrehst."

Es ist der Freitagmorgen vor dem Großen Preis von Österreich, bei dem Jochen Rindt zum erstenmal in einem Formel-I-Rennwagen sitzen wird.

Wir stehen in Hietzing auf der Straße, und Jochen grinst. Ich soll ihm sein neues Privatauto von Wien nach Zeltweg bringen. Er fährt mit Jim Clark und Joakim Bonnier zum Training. Gerade hat er mit den beiden gefrühstückt.

"Clark ist immerhin Weltmeister und Bonnier mein Stallkamerad bei Rob Walker", sagt Jochen. Wer es noch nicht wußte, hätte es damals gemerkt: Wie geschickt der Bursche mit den struppigen Haaren die Sache anpackt.

Nachmittags, an den Boxen von Zeltweg, schüttelt alles den Kopf über die Trainingsprotokolle: Rindt iist Achtschnellster!

Im Rennen überdreht er nicht. Aber die Bremsen versagen. Dann bricht die Lenkung auseinander. Solange es geht, fährt Rindt tapfer.

Kaum ein halbes Jahr später hat er seinen Cooper-Werkvertrag! Als erster Österreicher fährt er die Weltmeisterschaft. Als einer der vier mit nicht-englischer Muttersprache in der Formel 1. Bandini, Bonnier, Siffert sind die anderen.

Und Jochen Rindt, geboren am 18. April 1942, ist nicht einmal noch dreiundzwanzig.... Blenden wir den Film zurück, bis zu dem Tag, an dem alles anfing:

Aspern 1962. Sein Freund Oskar Vogel borgt ihm die Alfa Giulietta TI. Jochen, das "Greenhorn", gewinnt, gegen weitaus stärkere Wagen.

1963 kauft Jochen von Curt Barry den Cooper-Formel-Junior mit Ford-Cosworth-Motor. Das "Wunder Rindt" beginnt. Unberührt von Taktik, ohne Lust, sich systematisch an die Konkurrenz heranzutasten, ist er auf Anhieb schnell.

Trainingsbester in Vallelunga, Sieger in Cesenatico, Dritter in Monza, Zweiter am Masaryk-Ring - und knapp hinter Ahrens in Budapest, als die Halbachse reißt. Im strömenden Reen schleudert der Cooper gegen die Menschenmauer. Kaltblütig vermeidet Jochen die Katastrophe.

In Zeltweg spritzt ihm in Linkskurven sas Benzin aus defekten Schläuchen von den Zusatztanks ins Gesicht. Rindt, benzinüberströmt, kommt gegen die Formel-l-Garde in einem Teufelsritt auf Platz fünf vor.

In L'Aquila donnert er mit hundert gegen eine Felsmauer. Am Nürburgring fliegt er mit hundertachtzig aus der Kurve, als ihm ein Konkurrent den Weg sperrt. Die Büsche fangen Jochen auf wie das Netz unter dem Hochtrapez aber ...

... aber, der Knacks ist da. Für Jochen ein heilsamer Knacks.

Denn sein nächstes Rennen ist wieder der Nürburgring, wieder die Südschleife.

"Ich hatte Gedanken wie niemals zuvor", sagt Jochen heute. "So muß sich ein Boxer fühlen, wenn er zum zweitenmal gegen jemand in den Ring steigt, der ihn einmal fürchterlich k. o. geschlagen hat ... Ich mußte aber herausfinden, was los ist."

Der Test, selbst auferlegt, endet positiv. Jochen riskiert nichts. Und findet am Nürburgring zu sich zurück: Er wird Vierter hinter Clark, Attwood und Spence.

Richtig: Wir haben jetzt 1964, und Jochen Rindt sitzt im Brabham-Formel-II, Am Pfingstsonntag wird er Dritter in Mallory Park. Am nächsten Abend rufe ich Jochen in London an.

"Gratuliere zum dritten Platz", sage ich.

"Was heißt Dritter? Heute bin ich Erster geworden", sagt Rindt.

Kennen Sie das Gefühl, wenn man glaubt der Telefonhörer brennt?

Dieser Tag bringt Jochen Rindt Ruhm und internationale Schlagzeilen: Vor dem Start in Chrystal Palace deutet Graham Hill mit dem Kopf auf Rindt, der neben ihm in der ersten Startreihe steht, und fragt seinen Mechaniker: "Wer ist denn der?"

"Jochen Rindt heißt er", antwortet der Mann.
"Und wo kommt er her?", fragt Hill.
"Aus Österreich, glaube ich."

"Allright", sagt Hill beruhigt und setzt den Sturzhelm auf. Eine Stunde später schießt Jochen Rindt vor ihm als Sieger durchs Ziel ...

"Und dann kam Hill zu mir und sagte: Jetzt kenne ich dich."

Was nachher kam? Auf der Avus bricht bei zweihundert ein Querlenker, Jochen verliert ein Rad. Beim Tausend-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring zieht es Abgase in den geschlossenen Ferrari. Maglioli/Rindt, wie Löwen kämpfend, wegen Vergiftungsgefahr ständig ablösend, liegen auf Platz fünf, als Maglioli von der Strecke rutscht.

In Le Mans wird Jochen Stirling Moss vorgestellt: "Ich kenne Sie", sagte Moss. "Ich war in der Nachbarbox am Nürburgring. Sie waren recht eindrucksvoll!"

Le Mans: Rindt hat kein Auto. Er muß sogar seine Eintrittskarte kaufen. Anderthalb Tage steht er verzweifelt im Fahrerlager. Dann endlich: Luigi Chinetti nimmt Jochen ins NAR-Team. Rindt, hellwach konzentriert, fährt die siebentbeste Trainingszeit.

"Ein winziger Fehler bei dreihundert wäre wie ein Flugzeugabsturz gewesen . . . "

In Reims kracht Rindt in die Karambolage Ginther-Arundell. In Clermont-Ferrand wird er Dritter, in Brands Hatch Sechster, aber dann fällt er dreimal aus.

Aber: Er war niemals selbst schuld. Er ist kein "Reißteufel", sondern "consistently quick". Und damit für den Rennsport interessant.

Dennis Druitt, der fast legendäre BP-Mann, baut die goldene Brücke zu Cooper.

Wochen vergehen. Endlich ruft Johr Cooper bei Rindt an: "Kommen Sie morgen zu mir, und wir machen alles fix für Südafrika."

Dann kommt der Vertrag. Jochen Rindt ist am Ziel.

"Könntest du dir heute noch einen anderen Beruf als Rennfahrer vorstellen?", fragte ich den von Südafrika braungebrannten Rindt.

"Ja - Rennmanager."

Seine Firma in Mainz, die "Gewürzmühle Klein & Rindt", liegt in den Händen verläßlicher Mitarbeiter. Sie ist ein Erbstück seiner Eltern, die 1943 in Hamburg bei einem Bombenangriff ums Leben kamen.

Jochen wurde von seiner Großmutter in Graz erzogen. Er ist noch nicht österreichischer Staatsbürger, fühlt sich aber hier zu Hause.

Wenn ein Rennfahrer fünf Jahre in einem Land lebt und dessen Lizenz besitzt, gilt er sportlich als Vertreter dieses Landes - sagt die FIA - und das trifft auf den "Struwelpeter" zu. In England sagen sie "Jo" zu ihm. Bruce McLaren ist der einzige, der "Jochen" über die Zunge bringt, ohne sie zu sprageln. An seiner Seite kämpft Rindt heuer auf den Grand-Prix-Pisten der Welt.

Ich würde - um es sehr englisch auszudrücken - "put my money on him".